Marcel Hirscher: Die Biographie

EINWURF von Wolfgang Wiederstein
Marcel Hirscher © GEPA pictures/Raiffeisen
Marcel Hirscher © GEPA pictures/Raiffeisen

Eine Biografie über einen heimischen Sportstar zu verfassen, scheint auf den ersten Blick eine leicht zu lösende Aufgabe zu sein. Eine über einen Seriensieger und Olympiahelden zu schreiben, jedoch eine echte Herausforderung. Wer die richtigen Autoren für so ein Werk findet, der ist auf der sicheren Seite. Alex Hofstetter, einst für die Austria Presseagentur (APA) und ORF  tätig, heute Mitglied der Sportredaktion der Kronen Zeitung, ist ein langjähriger Begleiter des Skiweltcups, Michael Pircher war Hirschers Trainer, Stefan Illek sein Pressebetreuer, Illlek, ist ein Vollprofi, von dem einige Politiker in Sachen Pressebetreuung nur träumen könnten. Ein Trio also, das den Superstar aus nächster Nähe kennengelernt hat.

hirscherSeit knapp drei Monaten ist Marcel Hirscher Ski-Pensionist. Eine Rolle, mit der sich der ehemalige Spitzensportler immer noch etwas schwer tut.

„Was mich als Sportler gut gemacht hat, ist jetzt nervig. Vor allem für mein Umfeld. Das Tempo, das ich in meiner Karriere gegangen bin, ist einfach nicht alltagstauglich“, gesteht der 30-jährige im Buch „Marcel Hirscher – Die Biografie“

In dem mehr als 300 Seiten starken Werk kommen neben Fotostrecken und umfangreichen Statistiken zur Karriere des Salzburgers auch alle wichtigen Wegbegleiter Hirschers zu Wort. Von Papa Ferdinand, Jugendfreund Matthias Walkner über Felix Neureuther, Aksel-Lund Svindal und Ingemar Stenmark bis hin zu seinen Physiotherapeuten und Servicemännern.

Auch Hirscher selbst gibt Einblicke in seine Karriere, die der Öffentlichkeit bisher verwehrt geblieben sind. So erzählt der achtfache Gesamtweltcup-Sieger etwa von dramatischen Momenten im Zuge der „Einfädler-Affäre“ 2012: „Es gab Morddrohungen gegen meine ganze Familie. Wir sind alle miteinander daheim gesessen, ich wurde von Leibwächtern bewacht und wir alle waren der Verzweiflung nah.“

Dass das Leben als Ski-Star in Österreich nicht immer einfach ist, bekam Hirscher auch in anderer Form zu spüren. Und zwar in Form einer Welle der Popularität, die ihn im wahrsten Sinne des Wortes überrollt hat. „Niemand hat mich auch nur im Geringsten darauf vorbereitet, was passiert, wenn du mit Anfang 20 als Österreicher den Gesamt-Weltcup gewinnst, im Rampenlicht stehst und bei der Heim-WM in Schladming Weltmeister wirst“, blickt der 30-Jährige zurück.

Das Slalom-Gold bei der Heim-WM in Schladming 2013 bezeichnet Hirscher oft als seinen größten Erfolg, weil der mentale Druck davor so groß war. „Ganz ehrlich: Manchmal war ich mir selbst ein Rätsel, wie ich das alles geschafft habe“, so Hirscher.

Auch Felix Neureuther erinnert sich in dem Buch an den WM-Slalom auf der Planai: „Ich hab geführt, ich hätte WM-Gold gewonnen. Aber ich stand im Ziel, schloss die Augen, saugte die Atmosphäre förmlich auf und sagte mir: Hoffentlich gewinnt Marcel, ich will erleben, was da los ist, wenn Marcel hier Gold holt.“

Bei der WM 2017 in St. Moritz holte Hirscher Gold im Slalom und RTL sowie Silber in der Kombination. Vor dem Kombi-Bewerb drohte der Salzburger seinem Umfeld damals schon mit dem Karriereende: „Wenn’s mich auf die Goschn haut, hör ich mit dem Skifahren auf. Das ist mein voller Ernst. Dann war’s das!“

Hirscher fuhr bekanntlich weiter und holte bei der WM in Aare im Februar trotz vorangegangener Krankheit den Sieg im Slalom. „Das letzte Gold meiner Karriere hatte einen sehr hohen Preis. Noch einmal Weltmeister zu werden, das hab ich teuer bezahlt“, gibt Hirscher ehrlich zu.

Ehrliche Worte findet Hirscher in seiner Biografie auch zum Thema Olympia. „Klar bin ich froh, dass ich auch meine Olympia-Goldene hab. Und im Leben ist es halt fast immer so: in Erinnerung bleiben die schönen Dinge. Aber dieses Tohuwabohu, diese Reglementierungen. Irgendwie fühlt man sich als Sportler am Ende des Tages nur noch als Produkt. Wirklich warm bin ich mit Olympia nie geworden… Durch all diese Erlebnisse wurde Olympia für mich doch ziemlich entzaubert.“

An die Zeit, als Hirscher noch weit weg von Olympia-Medaillen war, erinnert sich sein Vater Ferdinand zurück. Er berichtet im Buch unter anderem von den Jugend-Meisterschaften in Turnau. Ich hatte Marcel vor einem Hügel gewarnt. Er ist trotzdem drüberradiert und in den Wald gefahren. Marcel fuhr vom Wald zurück auf die Piste und fuhr weiter ins Ziel. Bei der Siegerehrung haben sie ausgerufen: ‚Staatsmeister in der Kombination: Marcel Hirscher!“ Was da für ein Wirbel war, alle dachten, dass das unmöglich sei, der Hirscher ist ja im Wald gestanden. Aber er war trotzdem der Schnellste. Es war unglaublich, wie schnell der Bub skigefahren ist.“

Fast unglaublich ist auch die Geschichte von Hirschers Sölden-Sieg 2014. „Wir waren im Pitztal, nichts ist gegangen“, erzählt Ferdl Hirscher. „Ich ging zum Hotel Vier Jahreszeiten und wollte mir eine Kreissäge ausborgen. Die haben mich zum Bauern gegenüber geschickt. Der Bauer hatte eine Kreissäge, allerdings mit einem komplett rostigen Sägeblatt. Mit dem hab ich die Oberfläche des Skis von vorne bis hinten aufgeschnitten und dann präpariert. Das war dann der Ski, mit dem Marcel in Sölden mit Riesenvorsprung gewonnen hat …“

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